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Transkripte

Wir werden in Zukunft Transkripte von den Folgen zur Verfügung stellen. Das hilft, Dinge schneller wieder zu finden. 

Transkript Stolpersteine 7: MOM GUILT

Simea

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Frauthentisch in unserer Serie Stolpersteine. Und ich bin hier verbunden per Online-Tool mit der Franziska. Hallo Franziska.

 

Franzisca Vattolo

Hallo Simea, hallo zusammen.

 

Simea

Ich freue mich total, dass die Franziska mit uns spricht, weil sie ist eine ganz tolle, ganz spannende Frau und hat wirklich, ja, uns was zu erzählen. Und bevor wir einsteigen, so richtig tief in die Thematik, fänd ich es cool, du würdest die Frauen in das hineinnehmen, so wer du bist, so Eckdaten, vielleicht auch eine Eigenschaft, die dich sehr gut beschreibt, dass man dich so ein bisschen greifen kann. Wie muss man sich dich vorstellen?

 

Franzisca Vattolo

Ich bin noch unter 40, ich bin 37 und ich bin eher, von was man so sieht, bin ich eher eine kleine Person, gerne stylisch oder auch mal mit Farben angezogen.

Momentan habe ich gerade blaue Haare. Genau was mich ausmacht ist, dass ich einen großen Teil meiner Kindheit im Engadin aufgewachsen bin und deshalb romanisch zur Schule ging und erst in meinen Teeniejahren in die Deutschsprachige Schweiz gezogen bin. Ja, ich bin sehr interessiert und neugierig an ganz vielen Themen gegenüber. Ich bin mit Hermanno verheiratet und mit ihm schon seit 20 Jahren zusammen. Wir leben eine Freundschaft und Ehe. Ich bin Mutter von zwei Kindern oder Teenies. Also Yardo ist 14 und Corino ist jetzt 12 oder Yardo ist bald 14 und Corino ist 12.

Genau, ich bin in der Street-Church tätig, arbeite da in verschiedenen Gebieten, als so in der Begleitung von Menschen, die Jobs suchen oder Wohnungen suchen und in der Kommunikation und auch in der Arbeitsintegration. So, das sind so ein paar Dinge.

Gibt das so ein Bild oder möchtest du noch etwas bestimmtes wissen?

 

Simea

Genau. Ja, das ist super. Was ich eben noch spannend finde, wie viel Prozent arbeitest du?

 

Franzisca Vattolo

100.

 

Simea

100. Genau, weil das ist ja so ein bisschen nicht ganz das, die Norm sagen wir es mal noch. Genau. Und dein geistlicher Hintergrund, wie ist der?

 

 

Franzisca Vattolo (03:12.608)

Der ist, also jetzt bin ich Teil der Street Church und bin reformiert. In der Vergangenheit war ich schon Teil von verschiedenen Gemeinden, Freikirchen oder Hausgemeinden, aber ganz am Anfang alles so gestartet hat eigentlich, Gott selbst mit einer eher mystischen Begegnung, wo ich einfach Gott erlebt habe in Form von Licht. Als Kind war das, und da habe ich mich auf die Suche gemacht, was ist das, was mich da so getröstet hat und mir Angst genommen hat. Und dann durfte ich in den Religionsunterricht gehen. Die Lehrerin hat das so zugelassen, obwohl ich nicht eine Konfession hatte. Ich bin seitdem einfach mega begeistert von der Bibel und habe dann durch die Bibel eigentlich Gott der Juden und Christen kennengelernt. Und mit vielen Auf und Abs und verschiedenen Epochen meines Glaubens bin ich Christin.

 

Simea

Das ist ja eine faszinierende Geschichte. Das finde ich jetzt ganz cool. Also das habe ich jetzt noch nie, glaube ich, so gehört, aber cool, ja. Eine Lichtbegegnung mit Gott als Kind. Sehr cool. Ja, Franziska, du wurdest mir ja von einer von unseren Young Leaders empfohlen. Da mache ich jetzt einen kurzen Werbeblog natürlich für unser Young Leaders Programm.

 

Franzisca Vattolo

Hahaha. Ja.

 

Simea (05:08.782)

was nämlich 2024 wieder stattfindet. Und zwar ist es ein einjähriges Jahresprogramm, wo wir junge Leiterinnen fördern und ausbilden eigentlich so für ihre erste oder in ihrer ersten Leitungsposition. Und da möchte ich einfach den jungen Leiterinnen unter euch Mut machen, dass ihr euch überlegt, ob er bei diesem Programm teilnehmt. Das ist also sehr, sehr toll. Es ist eine kleine Gruppe, 15, 16 Leute, die da teilnehmen, so dass wir wirklich euch intensiv fördern können. Man bekommt auch noch eine Mentorin zur Seite gestellt, man hat diverse Themen, die man miteinander online oder live bespricht. Also wenn du sagst, ich bin kurz vor meiner ersten Leitungsposition oder ich bin in meiner ersten Leitungsposition, dann überleg dir doch, ob dieses Programm vielleicht nicht was für dich wäre. Es zieht sich dann von September bis in den Frühling im nächsten Jahr.

 

Genau, aber jetzt zurück zu Franziska. Franziska, du wurdest mir empfohlen von einer von unseren Young Leaders, hat gesagt, boah, du bist so eine tolle Person, dich muss ich unbedingt mal ansprechen und ich freue mich immer, wenn ich solche Leads von Leuten bekomme, weil ich dann spannende Leute wie dich kennenlernen darf. Und sie hatte erstmal so gesagt, ja so das Thema irgendwie mit einem behinderten Kindleben, weil da hattest du auch gerade schon ein Interview bei Live Channel gegeben.

Das Interview, das verlinken wir auch in den Show Notes und wir wollten jetzt natürlich nicht das gleiche Gespräch nochmal führen. Und wenn ihr also euch ein bisschen noch für diese, ja, ganz schon ein bisschen spezielle Lebenssituation oder Familiensituation von der Franziska interessiert, dann könnt ihr euch das Gespräch gerne noch anhören. Und wir legen heute den Schwerpunkt aber ein bisschen auf

 

Simea

Ja, Lebensträume, die nicht so erfüllt worden sind und vor allem das Thema Mum Guilt. Also so eine Schuld, die man als Mutter oft empfindet. Aber jetzt, um mal kurz zu verstehen, wenn man das Interview jetzt noch nicht gehört, hat, dass man trotzdem andocken kann bei dir, erzähl doch mal kurz, was ist denn bei euch los mit, ja, mit Corino? Was ist da passiert?

 

Franzisca Vattolo

Ja, also passiert ist, dass während der Schwangerschaft ich eine virale Infektion hatte. CMV heißt dieser Virus und in gewissen Fällen kann der von der Mutter auf das Kind übergehen und das Kind anstecken, wenn es noch in den ersten paar Wochen des Fötus-Seins ist.

Also er ist hochgradig schwerhörig, fast eigentlich gehörlos. Und auch die Hirnstruktur hat es verändert, was jetzt dazu geführt hat, dass er sich anders entwickelt, viel langsamer, so sein eigenes Tempo im Leben in der Entwicklung hat. Und ja, es ist jetzt kategorisiert als eine Form auf dem Spektrum, auf dem Autismus-Spektrum, das ist jetzt aber nicht soprimär, das kommt einfach auch so zum Ausdruck, es ist eigentlich wirklich eine Hirnschädigung geschehen durch diesen Virus. Hat auch eine Cerebralparese, hatte als kleines Kind so die Hände, eine Hand so zusammengezogen oder konnte halt nur schwer lernen zu sitzen oder spät zu gehen oder so. Einfach, alles ist ein bisschen langsamer und bisschen anders in der Entwicklung. Das bedeutet, jetzt ist er 12 und das bedeutet halt, dass er von gewissen Aspekten her einfach noch ist wie ein Kleinkind, einfach im Groß. Ja, genau, gestern Abend hatte er die Idee, Omeletten zu backen und dann ist er schon in die Küche gegangen und hat schon begonnen und das sieht dann ein bisschen aus wie bei Pippi Langstrumpf. Wenn er das selber macht und ich bin ein bisschen später, nur paar Sekunden später gekommen, aber dann ja genau muss ich halt dann sonst ein Kleinkind kommt halt nicht so hoch, also hoch ran an Mehl und Eier und all das und eher schon und dann genau ein bisschen so. Er braucht einfach einen höheren Betreuungsaufwand und andere Begleitung als vielleicht sonst ein 12-jähriges Kind.

 

Simea

Also ich meine, ich finde immer so eine Situation kann man sich ja eigentlich nicht vorstellen, wenn man nicht selber so was erlebt, ja. Deswegen ist es ja auch so ein bisschen, dass ich sage, ich will solche Gespräche führen, damit man eben an so was mal Anteil nehmen kann. Erzähl mal, was ist mit dir, also was ist mit dir persönlich abgegangen, nachdem diese Diagnose gestellt wurde? Wie hast du dich gefühlt?

 

Franzisca Vattolo

Ja genau, also da kommt ein Teil dieses Mom Guilt schon zum Tragen. Ich habe gearbeitet während der Schwangerschaft in einer Kita und war da natürlich sehr vielen Erreger ausgesetzt. Und als diese Diagnose da kam, habe ich mich sehr schuldig gefühlt, weil ich hatte das Gefühl, ich hatte einen Job, diesem Kind gut zu schauen, während der Schwangerschaft, als er in mir war und diesen Schutz benötigt hätte. Das habe ich nicht gemacht. Ich habe mich schuldig gefühlt, dass Corino von diesem Virus angegriffen werden konnte. Ja, genau. Und gleichzeitig sind da einige Träume zerplatzt.

Ich wäre gerne in oder wir als Familie dachten eigentlich, dass wir in ein anderes Land gehen, um da zu leben. Da sind eigentlich wie diese Träume auch zerplatzt und ich habe mich so eingeengt und eingesperrt gefühlt. In meiner Rolle als Mutter geraubt, einer Freiheit auch, die ich halt...

Irgendwie habe ich es mir so vorgestellt, auch wenn ich es nicht wirklich mir vorgestellt habe, aber dass halt, jetzt haben wir Kinder, ein paar Jahre irgendwann fliegen die aus und dann habe ich wieder mehr Freiheit oder auch schon während des Älterwerden der Kinder werde ich mehr Freiheit haben. Und ich wusste, okay, wenn ich Ja sage zu Kindern, dann werde ich auch Karriere zurückstellen müssen, weil wir dann wollten da 50-50 arbeiten. Oder 70, 70 oder irgendetwas, aber nicht so hochprozentual, dass seine Karriere gut möglich gewesen wäre, in Leiterschaftspositionen auch zu kommen, was ich mir eigentlich auch gewünscht hätte. Und dann ging so viel. Solche Vorstellungen, vielleicht unausgesprochene Vorstellungen von meinem Leben einfach so zu Bruch.

Ja, das ist und wahrscheinlich noch mehr, aber das ist zum Beispiel passiert.

 

Simea

Ja, okay. Im Endeffekt ist es so eine Diagnose, eine große Einschränkung fürs Leben, oder? Also so stelle ich es mir vor. Und wie verarbeitet man das, sondern wie hast du das verarbeitet, dass es so ist? Also wie bist du auf einen Level gekommen, dass du jetzt auch sagst, im Moment, also es ist in Ordnung, so wie es ist.

 

Franzisca Vattolo

Also das eine ist wirklich diese Einschränkungen immer wieder. Ich habe mal diesen Satz gehört von jemandem, der mit Einschränkungen leben muss. Ich lasse mich nicht behindern und das haben wir uns dann auch immer wieder gesagt. Wir lassen uns nicht behindern, weil Teilhabe an der Gesellschaft einfach rauszugehen. Ganz normale Dinge zu tun, ist immer mal wieder recht anstrengend, weil man sich oder wir uns so auf einer Bühne oft fühlen. Und weil Corino nicht hört, nicht hören kann, gibt es auch manchmal Situationen, wo ich viel näher an ihm so dran bin, als ich sonst wäre und dann bin ich auch schon halt so wie eine wirkliche Helikoptermutter. Irgendwelche Menschen denken, sie müssten irgendwelche Kommentare sagen. Und die dann verletzen können. Und da einfach immer wieder sagen, ich lasse mich nicht behindern, ich gehe trotzdem raus. Oder wir machen trotzdem Ferien. Einfach so. Es war super, dass wir da zusammenspannen konnten. Armanno, mein Mann und ich.

Und unsere Familien, also alle unsere Geschwister und unsere Eltern unterstützen uns voll und haben Corino von Anfang an einfach wirklich angenommen und finden ihn super und so. Also das hat schon sehr geholfen mit dieser Situation umzugehen.

 

Simea

Aber das ist dann vielleicht auch gerade ein guter Moment, um einfach auch nochmal so ein kleines Plädoyer zu machen, dass man einfach aufhört zu denken, man wüsste, was bei anderen Menschen ist, oder? Also wenn man irgendwas beobachtet, dass man nicht immer gleich denkt, boah, jetzt muss ich mir hier das, ja, das Urteil darf ich jetzt fällen, weil ich weiß ja gar nicht, was da los ist, weil ich stell mir das auch so vor, die Leute, wenn die das dann wüssten, dann wären die ja zutiefst schockiert von sich selbst.

 

Franzisca Vattolo

Total.

 

Simea

dass du jetzt eben nicht so eine Helikoptermutter bist, sondern dass er es halt nicht hört. Aber also da habe ich das Gefühl, da haben wir schon noch als Menschen wirklich was zu lernen, weil wir irgendwie uns dauernd in so einer Bewertungssituation oder in so einem Gefühl, wir müssten Dinge bewerten, befinden. Also hat es für dich was ausgelöst, dass du das weniger machst?

 

Franzisca Vattolo

Ich bin auch so aufgewachsen, das habe ich echt von meinen Eltern mitbekommen, einfach ganz viele verschiedene Menschen und Lebensentwürfe einfach mal anzunehmen. Und einfach mal anzuschauen und interessiert zu sein. Ah, wie lebt denn diese Person? Ah, das ist so anders. Ah, das ist aber noch interessant.

Das ist aber mega cool von deinen Eltern, also dir sowas mitzugeben. Also gerade auch diese Generation noch, dass sie so offen waren. Wow!

 

Franzisca Vattolo

Ja, total. Sie haben sich da auch recht frei gestrampelt von ihren Eltern. Genau, sind ausgestiegen und haben auf der Alp gelebt. Und ich glaube, das ist so etwas, was sie selbst auch erlebt haben. Einfach so, wie dann Leute irgendwie gesagt haben, auch einfach viele interessante Menschen kennengelernt haben und diese Offenheit sich eigentlich bewährt hat. Das haben sie uns als Kinder auch wieder mitgegeben.

 

Simea

Okay. Und wenn du jetzt, du hast gesagt, die ganze Familie steht hinter dir, würdest du denn auch sagen, in so einer Situation kannst du es eigentlich als so eine normale Kleinfamilie gar nicht schaffen, damit umzugehen? Du brauchst, wie man auch so dieses sagt, es braucht ein Dorf. Hast du das auch so empfunden?

 

Franzisca Vattolo

Ja, das glaube ich. Und ich habe auch gemerkt, eine Weile lang hatten wir keine Gemeinschaft in Form von einer Kirche. Mit einer Kirche ging es nicht so gut, dass Corino wirklich ein Teil sein konnte. Und das hat es viel schwieriger gemacht.

 

Jetzt unsere Community hier in der Street Church, da ist Corino so stark ein Teil davon. Und es wird einfach möglich gemacht, dass wir wirklich als Familie dabei sein können. Und nicht so pseudo dabei sein. Wir müssen halt dann doch immer selbst schauen, wie es für Corino ist oder halt dann schauen, dass er nicht dabei ist, wenn es halt nicht passt vom Programm her, sondern er ist einfach super willkommen und es gibt ein ganzes Team, das sich abwechselt während den Gottesdiensten extra für ihn da zu sein. Jedes Mal ist einfach jemand, wir sagen dem Schatten von Corino, einfach Zeit mit ihm verbringt, so dass wir auch einfach mal so in den Gottesdienst gehen können oder selber mitarbeiten können an anderen Orten und nicht einfach nur für Corino da sein müssen. Genau, so kann jetzt zum Beispiel der Mann bei den Teens sein, was sich Yardo sehr gewünscht hat und das ist dann voll wertvoll, weil einfach andere der Community diesen Teil übernehmen. Also ich bin fest davon überzeugt generell braucht es ein Dorf, um das Kinder gut aufwachsen können. Eben auch wegen dieser Vielfalt, dass sie einfach erleben, es ist vielfältig, und das ist schön. Und nicht, das ist gefährlich, wenn andere Familien das anders machen. Und ganz bestimmt mit einem Kind, das noch mehr Begleitung braucht. Also ich glaube, das schafft man fast nicht ganz alleine.

Oder eben auch umgehen mit all diesen Gefühlen der Trauer, das Loszulassen. Diese Schuld, die ich empfunden habe, da brauchte ich auch Menschen, die mir das zusprachen. Du bist nicht schuld, dass das passiert ist. Das hätte ich dann alleine gar nicht herausfinden können, weil das macht dann so viel Sinn in diesem Moment, wenn das in mir so hoch kommt. Und wenn ich mich dann nur in diesen Gedanken quasi wieder von diesem Gedanken ernähre, dann wird das immer größer. Und da braucht es schon auch andere Menschen, die dann sagen, nein, das ist nicht deine Schuld. Und dann glaube ich ihnen das natürlich noch nicht. Und dann müssen sie jetzt auch die Geduld und Liebe haben, das viele Male zu sagen und die zu ertragen, dass ich es einfach noch nicht glaube.

 

Simea

Ja, das finde ich einen ganz schönen Gedanken, dass man das ernährt. Also das stimmt, ja. Und da muss man, genauso wie man eigentlich oft diese negativen Gedanken ernährt, muss man halt an die positiven Gedanken ernähren, ja. Super, das finde ich super ausgedrückt. Also erstens wollte ich aber noch kurz sagen, ich finde es so schön, wie das in der Kirche gehandhabt wird. Und das ist vielleicht auch was, wo ich sage, ey, wenn ihr sowas bei euch in den Gemeinden habt, geht nicht einfach davon aus, dass irgendwer sich schon darum kümmert, sondern überlegt euch mit der Familie zusammen, wie das denn möglich sein kann, dass sie Teil hat. Weil ihr habt nicht das gefordert oder irgendwie gesagt, wir brauchen das, sondern es wurde auf euch zugegangen, wenn ich es richtig in Erinnerung habe.

 

Franzisca Vattolo

Ja, ja. Und auch mit ein bisschen Nachdruck auf uns zugegangen, weil wir natürlich gesagt haben, ja, nein, es ist ja schon schön, dass wir, wir haben einen Autismusbegleithund und den dürfen wir auch mitnehmen. Dann haben wir gesagt, ja, ist ja schon schön, dass wir den mitnehmen dürfen und so. Und dann sagt, nein, aber was braucht ihr wirklich, um dabei sein zu können, um euch hier wohlzufühlen? Sagt einfach irgendeine Idee, dann finden wir vielleicht, auch wenn sie noch nicht fertig ist, dann finden wir zusammen heraus, was es braucht. Also so ein bisschen mit Nachdruck, weil es ist manchmal das Gefühl, eh schon eine Last zu sein als Familie.

 

Simea

Ja, das glaube ich.

 

Franzisca Vattolo

Und dann, ich glaube, das geht vielen Eltern so, dass sie dann nicht noch mehr fordern wollen, sozusagen aus dieser Sicht, aus dieser Brille. Ja, sondern es ist ja schon viel, dass ihr uns einfach so akzeptiert und nicht immer sagt, ja, ihr seid eine Last, dass ihr uns aushält. Und dann will man nicht noch mehr fordern. Also wenn ihr auf jemanden zugeht, dann müsst ihr wahrscheinlich ein bisschen Nachdruck ausüben. Doch, vielleicht gibt es wirklich noch etwas, das es noch besser macht oder so. Und jemand hat mir auch hier gesagt.

Und jemand hat mir auch hier gesagt, ja du sagst jetzt was ihr braucht, aber es ist auch wichtig zu bedenken, was ihr hineinbringt. Und das war auch so ein mega Aha-Moment für mich. Ah, wow, hier geht jemand davon aus, dass wir etwas mitbringen und nicht nur, dass wir etwas brauchen von der Gemeinschaft.

 

Simea

Wow.

Ja, ja, ja, stimmt, genau. Super. Schön. Wir wollten ja jetzt eben hauptsächlich über diese Schuldgefühle sprechen. Wir sind ja auch schon so ein bisschen drin. Aber ich sag mal, ich würde sagen, diese Mom-Guilt oder also Schuldgefühle als Mutter, die kann man auf verschiedenen Ebenen haben. Und wir haben uns im Vorfeld da ja auch schon ausgetauscht miteinander un du hast es auch schon ein bisschen angedeutet. Du hast wie so drei Bereiche mir gesagt, wo du diese Schuldgefühle erlebst. Der Virus, der Schuld war an der Krankheit. Dann das volle Arbeiten, wo du immer, also wo man immer noch als Frau in 20, 23 sich irgendwie schämt dafür. Und du hast aber auch Schmerzen oft wenig Kraft, Depression, möchtest du mal vielleicht da die unterschiedlichen, ja, die unterschiedlichen Schwerpunkte vielleicht, die du da erlebst, erzählen? Weiß nicht, ob ich das jetzt gut gefragt habe.

 

Franzisca Vattolo

Also zum ersten, zum Virus, da habe ich jetzt schon einiges auch so gesagt, das ist eigentlich schon so beschrieben. Zum zweiten, das Arbeiten, ja das ist etwas, was ich was ich glaube einfach viele nicht so vorstellen können. Wenn jemand, also das höre ich auch von anderen, die einen Lebensentwurf haben, der nicht unbedingt der Norm entspricht, dann kommen einfach Fragen oder so ein bisschen, manchmal auch einfach unbeholfene Kommentare einfach, weil man es sich nicht vorstellen kann. ich habe dann immer wieder die Frage gehört, warum möchtest du denn so viel arbeiten? Und irgendwie, ich kann da nicht so viel drauf sagen, einfach, dass ich sehr gerne arbeite. Und ich dann aber auch wieder denke, warum muss ich das beantworten? Weil ganz viele arbeiten ja.

Dann müssen Sie nicht diese Frage beantworten.

 

Simea

Glaubst du nicht, dass es vielleicht auch ein bisschen daran liegen kann, dass es halt auch viele Leute gibt, die nicht gerne arbeiten?

 

Franzisca Vattolo

Ja, natürlich, das kann auch noch dazu kommen.

 

Simea

Also es denke ich manchmal, dass es Leute gibt, die dann so denken, ich bin jetzt fast mal froh, ich bin Mama und jetzt muss ich mal ein paar Jahre da nicht hin, so quasi. Oder weniger hin, weniger Prozent. Also jetzt nicht, jetzt soll es auch wieder nicht irgendwie verurteilen, aber es ist manchmal so wie vielleicht, dass ich manchmal denke, dass es wirklich aus einem Nicht-Verstehen heraus ist, weil man es selber nicht so kennt.

Und das finde ich eigentlich schade, weil ich denke, dafür ist man ziemlich viel Zeit in diesem, in dem Beruf, in seinem Leben, wenn es einem da nicht gefällt. Das ist schon ein bisschen schade, ja.

 

Franzisca Vattolo

Ja. Und ich bin in dieser privilegierten Situation, dass ich häufig auch recht viel auswählen darf, was ich arbeite oder wo ich arbeite und ich weiß, dass es nicht für alle so ist. Aber ja, genau, also jetzt geht es mir mit dem schon besser, aber ich weiß noch, als ich mich sehr stark schuldig fühlte, auch, ah, ja, das kommt eben noch dazu, dass ich halt wirklich... Ich hatte auch das Gefühl, ich bin nicht so eine gute Mutter. Und dann diese Mischung zwischen ich bin nicht so eine gute Mutter und warum möchtest du denn arbeiten? Das hat so viele Schuldgefühle in mir hochkommen lassen. Dass das einfach etwas war, was mich wirklich belastet hat. Ja.

 

Simea

Ja. Und magst mal sagen, warum hast du gedacht, du bist keine gute Mutter?

 

Franzisca Vattolo

Ich unterscheide mich manchmal in so Dingen auch wieder so ein Bild, das vielleicht einfach so gilt. Eine Mutter kann gut trösten oder eine Mutter, die denkt auch, wenn sie nicht zu Hause ist, dann ihre Kinder. Oder irgendwie weiß, welche Wäsche wem ist und welche Kleiderbröße wer hat. Oder einfach so kleine Dinge.

 

Simea

Also einfach so Stereotypen eigentlich, oder?

 

Franzisca Vattolo

So Stereotypen, ja. Und das erfülle ich dann nicht. Und ja, und ich hatte halt, wenn ich alleine wegging, hatte ich keine so feuchte Tüchlein in der Wickeltasche. Das ging immer wieder vergessen und dann musste ich improvisieren. Das stört mich überhaupt nicht. Aber dann, wenn da andere dann waren und dann so: Ich hab die immer dabei und dann hat das bei mir ein bisschen wieder. Ich hab mich dann so schuldig gefühlt. Einmal so, nicht mal das kann ich.

 

Simea

Ja, das kann ich mega gut verstehen. Wie oft ich ohne irgendwelche Sachen irgendwo stand mit meinen Kindern. Oh je, peinlich. Jaja. Eben und dann hast du halt immer diesen kurzen Moment, wo du denkst, okay, jetzt bin ich hier überall unten durch. Das verstehe ich gut.

 

Franzisca Vattolo

Ja, genau. Und das alleine ist ja natürlich noch nicht das große Problem. Es ist mehr ein Mosaik von ganz vielen so kleinen Sachen. Oder Yardo, unser älterer Sohn, hat sich einfach bei mir nicht beruhigen lassen und war so halt ein Papi-Fan und wollte sich immer von Papi trösten lassen. Das ist eigentlich kein Problem, so wie wir ja das mit 50-50 damals gemacht haben, hatte er viel Zeit mit Papi und ich konnte dann schon auch... Wenn ich alleine war, dann hat er das schon auch zugelassen, dass ich tröste, von dem her war es nicht wirklich ein Problem. Aber es hat dann manchmal so das Gefühl gegeben, ja, genau, ich kann mich trösten, ich kann nicht mal da sein für meinen Sohn, wenn er mich braucht. Also ich wache nicht auf in der Nacht und das ist so...

Ah, das ist doch der Mami-Instinkt! Und ich denke so, ich hab den nicht.

 

Simea

Ja, das verstehe ich auch sehr gut. Mein Mann stand auch immer zuerst auf und hat dann das Kind geholt und mir an die Brust und ich bin nicht mehr aufgewacht. So quasi, oh je, ja. Okay, ja.

 

Franzisca Vattolo

 Hahahaha! Ja, genau!

Aber eigentlich, mein Mann hat dann immer gesagt, ja Hauptsache jemand wacht auf, das ist doch das Wichtige. Und er hat Recht, ja das ist ja egal, wer von beiden aufwacht. Ja genau, aufwacht. Ja, genau. Aber das alles hat dann immer wieder einfach dieses Schuldgefühl hat schon gefüttert.

Simea (31:50.958)

Genau. Und würdest du auch sagen, das ist dann ja was, was unbewusst in den meisten Fällen abläuft, oder? Würde ich auch sagen. Ja, okay. Ja, und dann hast du noch mit Schmerzen zu kämpfen.

Genau. Und das... Seit etwa vier Jahren habe ich eine Migräne, die sich so entwickelt hat, dass sie chronisch wurde. Und gleichzeitig, oder gleichzeitig, nein, dann bin ich in eine Sinnkrise geraten auch noch. Und noch alles das zusammen, das hat dann eine Depression ausgelöst, vor etwa 2,5 Jahren, fast 3 Jahren.

 

Das ist wahrscheinlich auch noch das, was ich aktuell am meisten drin bin, immer mal wieder, wenn es wieder schwierig wird mit den Schuldgefühlen oder mit dem Gefühl nicht gut genug zu sein für das, was ich mir eigentlich wünschte. Jetzt eben jetzt ist Ermano viel mehr zu Hause. Wir haben jetzt schon seit fünf Jahren nicht mehr 50-50, sondern zuerst 80-20 und jetzt 120 etwa. Und also könnte ich jetzt quasi auch Verantwortung übernehmen, die ich ja nicht unbedingt konnte, wenn ich niederprozentig gearbeitet habe. Trotzdem, und das würde ich auch gerne, trotzdem denke ich immer mal wieder, ja, auf mich ist ja dann doch kein Verlass, weil dann, wenn ich da sein müsste, kann ich wieder nicht, weil ich dann vielleicht wieder eine Migräne habe oder wieder einen emotionalen Taucher. Also ich kann mir selbst auch zum Teil noch nicht ganz vertrauen.

Genau. Und denke dann auch, dass es für andere ja dann auch schwierig sein muss, mir Aufgaben oder Verantwortung zuzutrauen, weil sie ja dann auch nicht wissen, ob ich da bin oder nicht, wenn es dann drauf ankommt.

 

Simea

Und ich sag mal, das ist ja jetzt schon, wenn ich das dann, wenn ich jetzt das hören, wenn ich es mir vorstelle, dann ist es natürlich, denke ich dann manchmal dann, wenn das eine nicht kickt an Schuldgefühl, dann kickt das andere wahrscheinlich so ein bisschen bei dir. Also sprich, irgendein ist immer auf so einem Level aktiv, oder?

 

Franzisca Vattolo

Ja, das stimmt.

 

Simea

Du lachst jetzt!

 

Franzisca Vattolo

Weil ich das ein bisschen absurd finde, dass das so ist. Ja, aber es hat was.

Ja, also es braucht für mich viel an innerer Arbeit, um immer wieder zu merken, ja genau, ach das ist es, ich fühle mich wieder schuldig, nicht gut genug.

Ja genau und dann und wegen dem und dem und dann kann ich es so aussortieren und das braucht immer wieder ein Bewusstsein und ein Umgang mit diesen Gefühlen. Ja auch in eine in mir so also was ich gemerkt habe eigentlich wenn Schuld oder auch Scham gibt es auch oft dass ich mich dann, dass es dann eigentlich wie ein Gefühl gibt vom Schämen, dass ich jetzt schon wieder fehle oder wieder das anders mache. Ich weiß gar nicht genau, das ist noch diffuser als das Schuldgefühl, wie ja häufig schon ein Gefühl diffuser ist. Aber eigentlich das...

Die Medizin sozusagen für diese Gefühle oder das Gegengewicht ist häufig einfach in eine Gelassenheit reinzukommen und das Leben so zu nehmen, wie es einfach heute gerade ist. Und dann auch zuzugeben, so vor mir selbst, okay ja, heute fühle ich mich wieder schuldig, dass ich nicht da bin, wenn dies und dies ist. Wenn es vielleicht auch komplizierter ist. Also logistisch ist es ja manchmal, wenn man Eltern ist, ein bisschen anspruchsvoll, weil dann ein Kind krank ist. Mit dem anderen müsstest du dann ein Konzert fahren und Papi und ich bin dann nicht da und mein Mann muss dann irgendetwas sonst finden und dass ich dann nicht so das Gefühl habe, wenn ich jetzt nicht so hochprozentig arbeiten würde, dann wäre ich ja vielleicht mehr zu Hause und dann könnten wir uns mehr von diesen Dingen aufteilen, dann müsste ich nicht eher all das machen. Und dann einfach auch zulassen, so, ah ja, ich fühle mich jetzt gerade schuldig, aber ich lasse jetzt einfach zu, dass dieser Tag so ist, wie er heute ist. Ich lasse auch zu, dass ich mich schuldig fühle. Und dann kommt häufig eine viel größere Gelassenheit und diese dann eigentlich wachsen lassen. Das ist häufig das Gegengift ist nicht giftig, aber so, ja genau, das was hilft.

 

Simea

Ja, super. Aber da stelle ich mir jetzt vor, da bist du wahrscheinlich nicht alleine hingekommen, oder?

 

Franzisca Vattolo

Nein.

 

Simea

Da lacht sie nur. Wie bist du da hingekommen? Wer hat dir geholfen?

 

Franzisca Vattolo

Leute und Bücher und Podcasts und es ist so ein Sammelsurium von Dingen.

Ganz viele Menschen. Wir haben verschiedene Leute immer wieder gehabt als Paar und auch ich alleine. Einfach so Freunde, die uns schon eine Weile kennen und einfach wirklich so wahre Dinge in unser Leben sagen können oder das einfach tun. Und dann auch Fachpersonen, zum Beispiel habe ich jetzt auch schon eine rechte Weile so therapeutische Begleitung. Ich hatte immer mal wieder seelsorgerische Begleitung.

Meine Art, meine Spiritualität zu leben, muss sich auch recht ändern, dass es da nicht auch noch gefüllt ist mit so Schuldgefühlen und Gott gegenüber. Und das ist jetzt aber wirklich so, dass ich merke, eigentlich wieder zurückzugehen zu dieser Erfahrung, wo ich Gott einfach aus dieses Licht erlebt habe.

Ich sehe es jetzt eher so wie eine große Hand und da kann ich einfach sein und diese Gelassenheit zum Beispiel leben und erleben. Und so Bilder helfen mir sehr stark, immer wieder in dies hineinzukommen. Und auch so in meinem Alltag habe ich so Verbündete im Team, wo ich einfach hingehen kann und sagen, heute ist ein schlechter Tag, heute habe ich Angst oder heute habe ich Schuldgefühle.

 

Franzisca Vattolo

Und dann manchmal beten wir zusammen, manchmal reden wir zusammen, manchmal sitze ich einfach nur da und sage, darf ich einfach ein bisschen da bei dir sitzen? Und nichts müssen und dann gehe ich wieder so abgemachte.

 

Simea

Oh, das ist schön. Das müssten wir eigentlich alle machen, finde ich, dass wir so ein Team haben, ja genau, das einfach für uns ist. Ja, voll schön, ja. Super, also das finde ich mega, mega beeindruckend, weißt du, dass du auch da drangeblieben bist, weil ich stelle es mir einfach auch irgendwie schwierig vor, wenn es auf so vielen Levels ist. Also ich kämpfe dann schon und dann denke ich, wow, das ist echt. Also Hut ab, da vor dir. Franziska, sag mal, wie hast du Gott erlebt in dem Ganzen? Du hast jetzt die Spiritualität angesprochen und so quasi deine Seite, aber wie hast du ihn erlebt im Umgang mit dir?

 

Franzisca Vattolo

Also was ich einmal ganz stark erlebt habe, als ich viele Warum-Fragen gestellt habe. Warum ist das so kompliziert? Oder warum gibt es immer so Dominoeffekte, dann geht das wieder nicht und dann wieder... Kaum habe ich das Gefühl, etwas geht, dann geht das andere wieder nicht und so. Dass Gott einfach so, dass mir dann diese Begegnung von Mose beim Dornbusch in den Sinn kam. Es ist eigentlich eine Berufungsgeschichte, aber für mich war es einfach so, ich habe Gott dann erlebt, wie

Einfach so, dass ich bin da. Und einfach so als Antwort auf diese Warum-Fragen.

Das war so fast eine paradoxe Intervention, weil es keine Antworten gab auf die Warum-Frage, aber die ganze Antwort war einfach Gott ist da. Und weil mir da diese Mose-Geschichte in den Sinn kam, dachte ich, ja genau, Gott hat sich schon so vielen Menschen gezeigt und ich bin eine davon, die das erleben darf, so eine Offenbarung von einer Gottheit, die einfach größer ist als ich und viel geheimnisvoller noch als ich denken kann. Und das war ein ganz besonderer Moment. Und ein anderer war, ich habe ein Bild gesehen von Jesus, der einen Menschen umarmt und einfach weint, so richtig herzzerreißend weint. Denn anderen Menschen sieht man nicht, man sieht einfach so Jesus Gesicht am weinen.

Das hat mich tiefstens berührt und ich habe gewusst, ich war in einer rechten Krise, weil ich dann nicht mehr genau wusste, ob ich wirklich glauben kann. Weil vieles mir nicht mehr so viel Sinn gemacht hat, viele Zweifel an ganz vielen Überzeugungen, die ich bis dahin gehabt habe. Und dann habe ich gedacht, doch, wenn Jesus ein Gott ist, der mit weint, dann überzeugt mich das. Und das ist etwas, was ich bis jetzt sehr stark erlebe. Gott mit mir, mit jedem Menschen. Einfach auch wenn alles kaputt ist, dann sagt Gott nicht einfach so irgendwie, ja, habe ich schon gewusst, dass das jetzt kaputt geht oder so, sondern es ist einfach so, das ist kaputt. Und das ist so traurig. Und dann wirklich das echte Tiefe mit Schluchzen und Weinen. Ja, genau. Bei mir und bei Menschen, die ich begleite, ich erlebe das ganz fest so. Gott ist mit uns.

 

Simea

Ja. Weißt du, was das für ein Bild oder von wem, von welchem Künstler ist das irgendwo? Echt?

 

Franzisca Vattolo

Es war eben so eine Leiter-Jung-Ski-Mappe. Das war an einer Konferenz. Ich habe dann herumgesucht, wer das ist, weil der Name da drauf stand. Ich habe diese Person gefunden, aber die hat dann diese Mappe schon weggeräumt. Er hat dann einfach gesagt, ja, ein Kollege von mir hat das gezeichnet. Ich habe ihm dann meine Nummer gegeben und gefragt, ob er mir ein Foto schickt von diesem Bild. Und das ist leider nicht gekommen. Ja, wirklich. Das ist echt so schade.

 

Simea

Ah, schade, schade.

 

Franzisca Vattolo

Das war so eine Farbstückzeichnung, aber das muss ein mega Künstler gewesen sein, dieser Kollege, der das gemacht hat.

 

Simea

Okay, ja, schön, schön. Dieses Bild von Jesus ist mit uns in dem, in diesen ganzen Dingen drin, ja. Bist du auch mit Gott im Gespräch? Also jetzt gerade in diesen ganzen Schuldgeschichten? Und was sagt er dann zu dir so?

 

Franzisca Vattolo

Ja, es ist häufig die Einladung in diese Ehrlichkeit und in das Betrachten. Ich habe viele verschiedene Gefühle, meist gleichzeitig. Und da gibt es so eine ganze Farbpalette und die schauen wir uns dann gemeinsam an, Gott und ich. Und das tut gut. Und wenn ichlange genug hin sehe oder hin höre dann häufig, das ist ganz besonders häufig, gibt es an besonders schlimmen Tagen irgendwelche  Menschen, die einfach dann, und das ist dann wie Gott zu mir redet, das glaube ich einfach, die dann auf mich zukommen und irgendetwas sagen oder einmal war ich da einfach im Zug und habe geweint und dann kam eine Frau von ganz einem anderen Ort.

 

Sie war so ein bisschen so krass punkmäßig angezogen und wirklich so auf die einfach viel so fuck hate shit Beschriftungen auf ihrer Jacke und dann kam sie einfach und gab mir so ein Nasthuch und da drauf war irgendwie so a little hug for you oder so und das passt nicht zusammen mit ihren ganzen Äußeren. Sie ist extra aufgestanden auf der anderen Seite vom Zug und hat mir das gebracht. Das hat mir so gut getan. Ich habe gedacht, Gott ist um mich herum und redet dann durch verschiedene Menschen zu mir.

 

Simea

Oh, so schön, ja, ja, super. Gott ist um mich herum und redet durch viele verschiedene Menschen zu mir, super. Oh, schön. Aber was ich auch einfach feier, muss ich gerade mal sagen dir, also du bist deinen Gefühlen so nah. Das finde ich mega schön. Das, also das ist, das habe ich, habe, habe ich immer das Gefühl, ich habe das verlernt und das feiere ich, wenn ich das bei Leuten wie dir jetzt so sehen kann. Also echt cool. Also ich habe es nicht verlernt, sondern verdrängt in manchen Situationen, genau.

 

 

Eine Frage habe ich noch, was mich interessiert, weil dein Leben einfach ja nicht einfach ist. Wie kämpfst du mit Neid, mit Vergleichen?

 

Franzisca Vattolo

Hehehehe

 

Simea

Sie lacht immer, wenn ich ihr eine Frage stelle.

 

Franzisca Vattolo

Ja, weil du natürlich schon die richtigen Fragen stellst. So diese Ertappt-Fragen.

Ich habe sehr, sehr viel gekämpft. Und gegen... Also innerlich gegen Menschen, gegen Vorstellungen, gegen Situationen. Und was ich gemerkt habe, ist, dass die... Dass diese Sprache vom Kämpfen mir nicht so fest hilft. Und ich habe dann einmal ein Kollege hier im Haus auch so gesagt, diese militärische Sprache passt ja eigentlich gar nicht so zu dir, wenn du immer wieder so sagst, ja, ich bin nicht pazifistisch unterwegs und so. Und dann habe ich, das war gerade vor der Passionszeit oder gerade in der Passionszeit, habe ich mal gefastet, so, dass ich keine Kampfsprache oder so Kriegssprache gebrauche für so innere Dinge, Leben bis zu Ostern. Und dann habe ich gemerkt, wie ich das noch häufig mache. Ich kämpfe gegen das und kämpfe so. Und habe mir das jetzt versucht, Recht abzugewinnen. Und auch mit dem Leid, ja, ich stolperste an, finde ich eigentlich schön. Ja, ich stolpere da manchmal wieder drüber. Und nicht, dass ich gerne haben möchte, was andere... nicht genau so, dass ich das haben möchte, was andere haben, sondern viel eher, dass ich denke, deren leichtes Leben, das würde ich gerne leben, weil dann könnte ich das und das und das schon lange haben, was ich mir eigentlich wünschte. Und wenn solche Gedanken kommen, dann... hilft eigentlich nur der Blick von außen.

Entweder schaffe ich das dann einfach so selbst so raus zu zoomen und zu sehen, wie reif mein Leben ist. Durch die vielen Dinge, die da drin sind und auch die verschiedenen Stolpersteine und auch wie ich dadurch wieder anderen Hoffnung schenken kann, dass sie mit ihren Stolpersteinen auch umgehen können.

Und wenn ich das alleine nicht schaffe, dann brauche ich wieder jemand aus meinem Team. Einfach zu sagen, kannst du mich mal an meine Lebensmelodie erinnern? Und kannst du mir mal sagen, was irgendwie gut ist an mir oder an meinem Leben? Weil ich habe es gerade vergessen. Ich sehe nur, was ich nicht habe. Ja, es braucht viel Mut, das zu machen, immer wieder.

 

Simea

So der Blick von außen, ja.

 

Franzisca Vattolo

Weil ich jedes Mal wieder denke, dann fällt denen nichts ein. Mein Leben ist so schlecht und ich bin so schlecht. Aber es ist nie so, dass denen nichts einfällt.

 

Simea

Ja, das glaube ich. Oh, super. Sehr, sehr schön. Sag mal noch ganz am Schluss, was wünschst du dir für euch, für die nächste Phase?

 

Franzisca Vattolo

Ja.

 

Franzisca Vattolo

Für uns als Familie, oder was?

 

Simea

Hm, ja. Oder für dich?

 

Franzisca Vattolo

Das ist jetzt eine schwierige Frage. Ein Wunsch für uns oder für mich?

Jetzt gerade ist so Berufswahl aktuell bei Yardo, dem älteren Sohn. Und da wünsche ich ihm und uns, dass wir das irgendwie gut machen dürfen, diesen Weg in so ein neues, wichtiges Kapitel. Dann steht auch bevor das Corino, wenn er in die Oberstufe kommt, möchten wir auch versuchen, dass er noch ein bisschen mehr auswärts schlafen kann, einfach so auf die Vorbereitung, weil wir denken, dass er später mal in einer WG, in einer betreuten WG wohnen wird. Das wird auch wieder so ein großes Kapitel und ich wünsche mir sehr, dass diese neuen Etappen gelingen dürfen und dass mein Wunsch wieder mehr Freiheit zu bekommen, auch dadurch nicht im Weg sein muss, sondern dass es auch einfach das sein darf, was ich positiv in diese Prozesse hineingeben darf. Ja. Und ich wünsche mir ganz persönlich noch mehr Schritte aus den vielen Schmerzen machen zu dürfen und noch mehr Schritte in Gesundheit, in weniger Depression gehen zu können. Ich habe das Gefühl, ich bin auf einem sehr schönen Weg mit tollen Menschen um mich herum und habe eigentlich Hoffnung, dass es geht, aber es ist auch ein großer Wunsch, dass es wirklich jetzt so weitergeht wie in den letzten eineinhalb, zwei Jahren, dass mehr Gesundheit in mein Leben kommen kann.

 

Simea

Das kann ich gut verstehen, ja. Super. Ich danke dir für deine Bereitschaft hier so auszupacken, so ehrlich zu sein. Ich glaube immer die Schuldgefühle als Mutter, denen können wir natürlich schon auch viel Macht und Power nehmen, wenn wir darüber sprechen, wenn wir eben nicht so tun, als hätten wir sie nicht. Und alle Mamas tun so, als hätten sie sie nicht. Und...

 

Und heimlich, still und leise haben sie alle. Also das ist dann schon so ein bisschen, gell? Wo ich manchmal denke, wenn dann einer oder eine auspackt, dann ist es ansteckend und das hilft. Also vielen Dank deswegen für deinen ersten Schritt da. Hast du noch so eine Sache, wo du sagst, es ist dir noch irgendwie wichtig, Frauen mitzugeben, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind wie du? Sei es jetzt in den Schmerzen, sei es jetzt mit einer sehr herausfordernden Familiensituation so eine Perle zum Droppen.

 

Franzisca Vattolo

Ich weiß nicht, ob es eine Perle ist, aber während dem Gespräch habe ich gemerkt, wie ich gedacht habe, ja jetzt sage ich das so und wahrscheinlich die, die zuhören, können da sowieso nicht relaten. Die kennen das nicht. Das klingt jetzt wahrscheinlich blöd, dass ich mir da Schuldgefühle mache. Jetzt denken wahrscheinlich viele, ach was macht sie sich für Schuldgefühle wegen dem und jetzt, Simea, wenn du das so sagst: Ah ja, genau. Vielleicht gibt es auch unter den Zuhörerinnen Frauen, die denken, ach krass, doch, das habe ich auch und ich habe immer gedacht, da kann niemand anders relaten. Versuch es einfach aus mit jemandem, dem du vertraust, einfach mal so ein bisschen einen Schritt zu wagen, etwas zu sagen über diese Gefühle. Ich denke, das ist der wenn wir ehrlicher sind zusammen, dann wird es weniger schlimm, mit diesen Gefühlen umzugehen.

 

Simea

Ja, das stimmt. Ja, super. Cool, vielen Dank dir.

 

Franzisca Vattolo

Sehr gerne.

 

Simea

Genau. Und dann sag ich euch, viel Dank fürs Zuhören. Ihr dürft dann wieder einschalten im Januar. Wir haben jetzt eine etwas längere Weihnachtspause. Wir melden uns wieder mit der nächsten Frauthentisch-Folge am 15. Januar, da wird es um Depressionen gehen. Eine junge Frau, die in Depressionen ist, also ein weiterer Stolperstein. Ich wünsche euch ganz frohe Weihnachten, genießt die Zeit mit euren Lieben, genießt aber auch die Zeit mit euch selber und mit Gott. Über die Weihnachtsfeiertage nehmt euch auch wirklich Zeiten, wo ihr nichts habt und nicht den puren Stress. Wir fahren dieses Jahr ganz cool, fliegen wir nach England zu unserer großen Tochter, die da gerade ein Auslandsjahr macht und besuchen sie und haben deswegen mal gar nichts in unserer Weihnachtsagenda und ich kann es einfach gerade nur feiern. So cool! Also genau, alles Gute euch und bis bald. Tschüss!

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